Deutschland - ein Land vor dem Niedergang ?

(Eine Prognose, die immer aktueller wird).

 

Unser Wissen und unsere technischen Produkte waren es, die einst unseren besonderen Ruf als Wirtschaftsnation begründeten. Unsere wirtschaftlichen Zuwachsraten galten vielen als nachahmenswert. Diese Zeiten sind längst vorbei. Seit Jahren verlieren wir immer mehr an Boden und kämpfen bereits auf vielen Feldern um unsere Mittelmäßigkeit. Wird aus dem einstigen Wirtschaftsriesen Bundesrepublik bald der Wirtschaftszwerg Deutschland?

Gerade in Zeiten einer bevorstehenden Globalisierung mit weltweitem Umbruch benötigen wir als Wirtschaftsnation eine riesige Anzahl an Impulsen, intelligenten Ideen und Lösungen für bessere Produkte und bessere Wirtschaftsabläufe. Anstatt hierfür ein geistiges und wirtschaftliches Klima zu schaffen, begegnet man in diesem Land nur noch tief ausgetretenen Wegen und fest zementierten Denkweisen. So macht sich allerorts Resignation und Apathie breit. Verantwortlich für diesen Zustand ist neben der Politik, das Beharrungsvermögen vieler Unternehmen und der speziell deutsche Hang, alles regeln und institutionalisieren zu müssen. Somit wird jedes individuelle und kreative Denken und Handeln abgewürgt. Instititutionen aber werden zu Schutzreservaten mit eingeschränkten Sichtweisen und Eigendynamiken, die sie zwingen, sich immer mehr mit sich, als mit den Problemen zu befassen, für deren Lösung sie einst geschaffen wurden. Institutionen verselbständigen sich zu Strukturen - aus Strukturen werden Machtzentren. Am Ende wird unser Land zu einem nicht mehr beherrschbaren Protektions- und Cliquenstaat verkommen.

Stellvertretend hierfür stehen inzwischen große Teile unserer politischen Parteien, Verbände, Kammern, Gewerkschaften, Verwaltungen, Bereiche der Justiz, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Mit diesen verkrusteten Institutionen die kreativen Lösungen zu entwickeln, die zu wirksamen, gesamtgesellschaftlichen und -wirtschaftlichen Veränderungen führen, wird zunehmend schwieriger, wenn nicht bald unmöglich sein. Schon heute sind diese Institutionen nicht mehr in der Lage, Kausalitäten zwischen eigener Struktur und dem drohenden Niedergang unseres Landes zu erkennen.

Obwohl wir vor einem dramatischen wirtschaftlichen Einbruch stehen, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen, ist seine wahre Ursache unseren Politikern, Wirtschaftsexperten und selbst unserer Wirtschaft, noch immer nicht bewusst. Dabei haben seine Auswirkungen uns längst eingeholt in dem sie zunehmend unser Wirtschaftswachstum bremsen.
Auslöser dieses schleichenden und deshalb besonders gefährlichen Verfalls sind die immer kürzer werdenden Zeitspannen, in denen sich Produkte und Waren wirtschaftlich sinnvoll nutzen lassen. Diese liegen in Deutschland bereits unter 10 Jahren und nehmen weiterhin ab.

Nach unseren Recherchen müssen in den nächsten 5 bis 10 Jahren zwischen 40 % - 50 % unserer Waren und Produkte, insbesondere technische Produkte, aus dem Markt genommen werden, da sie dann ihre Marktfähigkeit bzw. ihre Käuferakzeptanz ( * ) verloren haben.
Um wirtschaftlich nicht weiter an Boden und international nicht den Anschluss zu verlieren, müssten die meisten dieser Ausfälle sofort, und wenn möglich, durch zukunftsfähige Folgeprodukte ersetzt werden. Aufgrund der verkrusteten Strukturen unseres Landes und des geringen Volumens bisher genutzter Ideen- und Geistespotenziale, ist davon auszugehen, dass nur 50 % dieser auslaufenden Waren und Produkte kurzfristig erneuert werden können – weitere 30 % nur sehr langfristig und der Rest gar nicht. Aufgrund ihrer auffallend geringen Innovationsbereitschaft sind Unternehmen in NRW besonders betroffen.

Der sich hieraus ergebende Mangel an marktfähigen Produkten wird zu einem massenhaften Wegbrechen ganzer Produktions-, Wirtschafts- und Handelsbereiche führen. Besonders betroffen werden kleinere und mittlere Unternehmen sein. Die Großindustrie kann durch eine massive Rationalisierung und Automatisierung oder durch Auslagerung ihrer Produktionsbereiche in Billigländer - zumindest für eine gewisse Zeit - künstliche Kaufanreize durch das Verbilligen Ihrer Produkte schaffen. Ähnliche Möglichkeiten hat auch der Großhandel. Kleine und mittlere Unternehmen haben diese Möglichkeiten leider nicht. Bei vielen kommt hinzu, dass sie vor einem Generationswechsel stehen und Nachfolger für Ihre Betriebe suchen, diese aber nicht finden, weil in einem politischen Umfeld ohne Visionen und in einem stagnierenden Markt ohne zukunftsfähige Ideen, Waren und Produkte es immer unattraktiver und risikoreicher wird, eine Firma zu übernehmen.
Diese Probleme werden unser Land wirtschaftlich und gesellschaftlich schwer belasten und nach unserer Einschätzung 2005 zu einer Arbeitslosenzahl von über 5 Millionen führen. Danach ist mit einem weiteren Anwachsen dieser Zahl zu rechnen.

Wenn die zuständigen Kreise aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften diese Probleme mit ihren verheerenden Folgen noch immer nicht erkannt haben, muss davon ausgegangen werden, dass sie diese auch in Zukunft nicht erkennen und somit keine Lösungen finden werden. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, um unsere Wirtschaft zu reformieren und wieder auf feste Füße zu stellen. Als Denkhilfe für Politik und Wirtschaft haben wir uns daraus vier besonders einfache, kostenneutrale und schnell umsetzbare Lösungen ausgesucht.

1. Eröffnung einer breit angelegten Innovationsoffensive unter Einschluss aller Bereiche zur Schaffung möglichst vieler, zukunftsfähiger Produkte und Waren.
Vorteil: Großflächige Strukturverbesserungen. Reduzierung der Kosten dieser Offensive
durch im Interesse der Wirtschaft und des Handels liegende, finanzielle Beteiligungen.

2. Radikale Änderungen der Vergabekriterien bei Fördermitteln für eine effektivere Nutzung.
Zusammenschluss unterschiedlicher Ideen- und Entwicklungsströme zu Kreativeinheiten
unter Führung der Fähigsten, nicht unter Führung der Größten. Vorteil: Absolute Kostenneutralität. Zusatzeffekt: Erhöhung der Effektivität um das Fünf- bis Zehnfache.

3. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in technischen Bereichen nur noch in Verbindung mit der Entwicklung und Herstellung zukunftsfähiger Produkte und Lösungen. Beendigung bisheriger Beschäftigungstherapien in Form von Nachbau oder Aufarbeiten veralteter Techniken. Vorteil: Schaffung neuer, zukunftsfähiger Produkte. Erhöhung der Qualifikation und Motivation der Arbeitslosen durch direkte Anleitung von Entwicklern und Kreativ-Unternehmen. Dadurch bessere Integrationschancen für den Arbeitsmarkt. Senkung der Förderungskosten bei Arbeitslosen durch Vermarktung dieser Produkte bzw. durch deren Vergabe an Firmen zum Nachbau gegen Lizenzgebühren.

4. Kostenlose Nutzung der gering ausgelasteten, hervorragend ausgestatteten technischen Betriebsstätten in Universitäten und Instituten durch freie Entwickler oder Unternehmen.
Als Gegenleistung: Miteinbeziehung der Studierenden in Entwicklungsprozesse, u. a. bei der Erstellung innovativer Prototypen und Zukunftsprodukte.
Vorteil: Wichtige Hilfe für Existenzgründer und junge, kleine und mittlere Unternehmen mit fehlendem oder unzureichendem Maschinenpark. Stimulierender Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Kreative, praxisnahe Einarbeit für Studenten.

Fazit: Wenn unsere Politik- und Wirtschaftsgremien weiterhin versagen und keine sinnvollen Lösungen anbieten können, sind alle übrigen Wirtschaftskräfte unseres Landes gefordert, insbesondere der Mittelstand. Dieser sollte seine Chancen wahren, sich zusammenschließen und versuchen, die eigenen Probleme selbst zu lösen. Auch sollte er politisch mehr Kraft entfalten. Nur so kann den jeweiligen Entscheidungsträgern mit Nachdruck klargemacht werden, dass es sinnvoller ist, dass die, die das Sagen haben, aber nichts zu sagen haben, endlich denen das Sagen überlassen, die was zu sagen hätten. Geschieht dies nicht, erleidet unser Land irreversible Schäden. Politisch könnte dies zu Weimarer Verhältnissen führen.


Gernot Kloss, März 2001

( * ) Nachtrag: Die „Kaufverweigerung“ der Bürger ist eine ernste Reaktion auf Warenmonotonie und fehlende Produktinnovationen.